• 75 Jahre Bergsteiger
• Bruckmann als Outdoor-Verlag
• Die „Dunkle Zeit“
(Zitat Hugo Bruckmann)
Im Juli 1889 trat Friedrich Bruckmanns jüngster Sohn Hugo in die Leitung des Verlagshauses ein. Mit ihm wuchs dem Unternehmen in den folgenden Jahren ein Vertreter heran, der ihm durch seine Weltanschauung eine Richtung geben sollte, die das Haus Bruckmann eng mit dem Regime und der Ideologie des Dritten Reiches verstrickte. Hugo Bruckmann und seine Frau Elsa standen im Zentrum des geistigen und kulturellen Lebens in München. Schon seit der Jahrhundertwende war ihr Salon Treffpunkt einer langen Reihe von Künstlern und Gelehrten von hohem Rang, in die sich mit der Zeit, dem allgemeinen gesellschaftlichen Trend folgend, immer mehr Köpfe einordneten, die ihrer Neigung zu mystischen, völkischen und antisemitischen Gedanken freien Lauf ließen. Auf Schuler, Klages und Chamberlain folgten Rosenberg, Heß, Schirach und schließlich Hitler.
Diese Gästeliste versinnbildlicht in gewisser Weise auch die geistige Entwicklung Hugo Bruckmanns. Wie seine Gesprächspartner, so wurden auch er und seine Frau Elsa geprägt
von einer völkischen, rassenideologischen Weltanschauung. Auch das väterliche Unternehmen öffnete Hugo Bruckmann schon bald für diese Gesinnung, als er 1896 Houston Stewart Chamberlain für den Verlag gewinnen konnte. Dessen Antisemitismus und Rassismus schlug sich dort bis 1944 in 34 Publikationen nieder, die in insgesamt 150 Auflagen erschienen und zum Teil so aussagekräftige Titel trugen wie „Arische Weltanschauung“ (1912), „Deutsches Wesen“ (1916) und „Rasse und Persönlichkeit“ (1925). Darin legte Chamberlain seine Überzeugung von der Überlegenheit und dem natürlichen Führungsanspruch der „germanischen Rasse“ dar, der im Kampf gegen ihren gefährlichsten Gegenspieler, nämlich dem Judentum, ohne Rücksicht durchzusetzen sei. Mit diesen Ausführungen, die vor allem in den „Grundlagen des 19. Jahrhunderts“ (1899) eine weite Verbreitung erfuhren, legte Chamberlain auch einen Grundstein für die spätere NS-Ideologie.
Hugo Bruckmann selbst war es gewesen, der Chamberlain angespornt hatte, dieses Werk zu schreiben. So war es naheliegend, dass er sich schließlich auch dem Nationalsozialismus gegenüber sympathisierend zeigte, als er Anfang der zwanziger Jahre mit ihm in Kontakt kam. Bruckmann wurde zu einem der ersten Förderer Adolf Hitlers und seiner „Bewegung“ und zu einer wichtigen Stütze in deren Frühzeit. Treibende Kraft dabei war allerdings Elsa Bruckmann, die ihn, begeistert vom Fanatismus des jungen Agitators, unter ihre Fittiche nahm, in die bürgerliche Gesellschaft Münchens einführte und Hitler, der seine Zuhörer bis dahin hauptsächlich in Bierhallen gefunden hatte, salonfähig machte. Der meist als ruhig und bedächtig charakterisierte Hugo Bruckmann folgte seiner temperamentvollen Ehefrau, einer geborenen rumänischen Prinzessin, bereitwillig nach.
Ende 1908 schied Hugo Bruckmann wegen Differenzen mit dem ihm gleichgestellten Verlagsdirektor Fritz Schwartz aus der Leitung bei F. Bruckmann aus. 1917 verließ er auch den Aufsichtsrat und löste sich für elf Jahre ganz vom väterlichen Unternehmen. Doch seinen Stempel hatte er diesem bereits aufgedrückt. Zwar wurde das Verlagsprogramm unter der Leitung von Alphons Bruckmann, ab 1927 auch von seinem Neffen Alfred Bruckmann, nicht weiter in der völkisch-ideologischen Richtung ausgebaut; doch die Bekannt- und Beliebtheit Houston Stewart Chamberlains wurde auch von ihnen weitestmöglich ausgeschöpft. Weder Alphons noch Alfred standen dem Nationalsozialismus besonders nahe, aus kaufmännischen Gründen hegten sie jedoch keine Bedenken, Chamberlains beliebte Thesen mit viel Engagement unter die Leute zu bringen. Seine Texte wurden in immer neuen Auflagen, in Sonderdrucken und Anthologien herausgegeben. Dazu kamen noch Publikationen über Chamberlain und sein Werk. Allein die zweibändigen „Grundlagen des 19. Jahrhunderts“ erschienen zwischen 1899 und 1944 in dreißig Auflagen und diversen Übersetzungen.
Daneben dominierten bei F. Bruckmann aber weiter Werke zur Kunst- und Kulturgeschichte, mit dem Eintritt von Alfred Bruckmann in die Verlagsleitung auch immer mehr alpine Literatur, die sich ideologisch meist (noch) neutral zeigte.
Hugo Bruckmann hatte inzwischen im Jahr 1917 seinen eigenen „Hugo Bruckmann Verlag“ gegründet. Als er sich Anfang der zwanziger Jahre der Mission verschrieb, die Ideen Hitlers und dessen „Bewegung“ einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln, besaß er in seinem eigenen Verlag – in Verbindung mit seinem angesehenen Namen – eine optimale Grundlage dafür. Bruckmann unterstützte Hitler zwar auch finanziell, vor allem war er für den Agitator aber strategisch von Bedeutung: als Nichtparteimitglied und mit seinem guten Ruf, den er auch in den gemäßigten nationalen Kreisen genoss, konnte er, ohne Ressentiments zu wecken, dort Werbung für die Sache machen und Verbindungen zwischen den Nationalsozialisten und dem konservativen Bürgertum herstellen. Wohl auf Wunsch Adolf Hitlers, der Bruckmanns gesellschaftlichen Status nicht riskieren wollte, band sich der Verleger nicht offiziell an die Partei und blieb nach außen hin unabhängig. Erst 1932 traten Hugo und Elsa in die NSDAP ein und erhielten als Dank für ihr Engagement die zweistelligen Parteinummern 91 und 92, ein Ehrenerweis, der sie nun auch offiziell als „alte Kämpfer“ auszeichnete.
Doch bei allem Idealismus für die nationalsozialistische Bewegung spielten auch bei Hugo Bruckmann ökonomische Überlegungen stets eine bedeutende Rolle. Alfred Rosenberg etwa ließ er mit dessen kruden programmatischen Schriften gleich zwei Mal abblitzen. Sogar für Hitlers „Mein Kampf“ zeigte er anscheinend keinerlei Engagement, als 1924 ein Verlag dafür gesucht wurde – die Verkaufsaussichten wurden zu diesem Zeitpunkt allgemein als eher ungünstig eingeschätzt. Ein weiteres Projekt, Hitlers Kriegserinnerungen zu veröffentlichen, scheiterte aus unbekannten Gründen. Die einzige Publikation des späteren „Führers“, die in Bruckmanns Verlag erschien, war die Broschüre „Der Weg zum Wiederaufstieg“ (1927), vom Industriellen Emil Kirdorf – der Hitler über die Bruckmanns kennen gelernt hatte – finanziert und an interessierte Kreise verteilt. So entfaltete auch das eher bescheidene Programm des „Hugo Bruckmann Verlages“, den sein Namensgeber nach elf Jahren wieder in das Familienunternehmen einbrachte, noch kein explizit nationalsozialistisches Profil.
1933 kehrte Hugo Bruckmann schließlich wieder an die Spitze der Verlagsanstalt F. Bruckmann zurück, mit dem Anspruch, das Unternehmen nun ganz an der neuen Ordnung auszurichten. Sogleich brachte er seine Unzufriedenheit mit der zwischenzeitlichen Programmgestaltung seiner Verwandten zum Ausdruck, die ihm „zu farblos, zu wässerig auf dem allgemeinen kulturpolitischen Gebiet, zu wenig nationalsozialistisch und zu wenig aktuell“ war. Er nahm sich vor, dies schnell zu ändern.
In den folgenden Jahren erschienen bei F. Bruckmann Werke wie „Wehrpflicht des Geistes“ (1935), „Deutsche Züge im Antlitz der Erde. Deutsches Siedeln, deutsche Leistung“ (1935), „Köpfe aus der Gefolgschaft des Führers“ (1937), „Nordisches Blutserbe im süddeutschen Bauerntum“ (zwei Bände, 1938 und 1939) und etliche weitere. Auch das kunst- und kulturhistorische Programm, ebenso wie die alpine Literatur, wurde immer mehr ideologisch verbrämt, was zu so vielsagenden Titeln wie „Der Mensch am Berg. Von der Freude, dem Kampf und der Kameradschaft der Bergsteiger“ (1935), „Oberdonau, die Heimat des Führers“ (1940), „Die Wehrtechnik bei Albrecht Dürer“ (1943) oder gar „Der Maibaum im Dritten Reich“ (1936) führte. Auch den Zweiten Weltkrieg kommentierte Bruckmann mit einer Reihe von Propagandawerken, darunter die sechsbändige Reihe „Unser Kampf ...“ (1939–1942), die die deutschen Feldzüge für die Bürger daheim nachvollzog. Daneben nutzte Bruckmann, der unter anderem Mitglied des Reichstages, Vorstandsmitglied des Deutschen Museums, Vorsitzender des Verwaltungs- bzw. Aufsichtsrates des Deutschen Nachrichtenbüros und Präsidialratsmitglied der Reichsschrifttumskammer war, nach der Machtergreifung im Januar 1933 konsequent seine hervorragenden Verbindungen zu den führenden Persönlichkeiten des Regimes als Basis für die Akquisition von Aufträgen staatlicher und parteiamtlicher Stellen. Profitieren konnten von seinem Einfluss sowohl der Verlag als auch der Druckereibetrieb: so brachte Bruckmann etwa Plakate und Kataloge der Kunstausstellungen im Haus der Deutschen Kunst heraus, die Mitteilungen des Bergsteigerverbandes im Deutschen Reichsbund für Leibesübungen und die amtlichen Mitteilungen der Treuhänder der Arbeit in Bayern. Hinzu kamen eine Reihe von Propagandaschriften in Zusammenarbeit
mit nationalsozialistischen Einrichtungen, darunter auch SA und SS. Trotz all dieser Beziehungen konnte sich F. Bruckmann aber nicht zum bevorzugten NS-Verlag entwickeln. Diese Rolle spielte schon der Parteiverlag Franz Eher Nachf., ein eng mit dem Regime verknüpftes Unternehmen, das in der Verlagslandschaft des Dritten Reiches eine alles überragende Stellung einnahm. Franz Eher Nachf. wurde zum größten Rivalen Bruckmanns im Dritten Reich und konnte einige weitere Prestigeprojekte der Verlagsanstalt, die deren Nähe zu den Machthabern in bare Münze umsetzen sollten, verhindern.
Um seine Position dem Konkurrenten gegenüber weiter zu verbessern, trat das Unternehmen Ende 1933 in Kontakt mit dem Organisationsleiter des Kampfbundes für deutsche Kultur und dritten Geschäftsführer der Reichskulturkammer Hans Hinkel. Hugo Bruckmann, ein guter Bekannter Hinkels, baute die Beziehungen soweit aus, dass im November 1934 ein Vertrag zwischen Hinkel und F. Bruckmann abgeschlossen werden konnte, in dem sich der NS-Kulturfunktionär gegen ein monatliches Entgelt verpflichtete, „seine guten Beziehungen vor allem zur Einführung der von der Firma Bruckmann beauftragten Herren bei den zuständigen Stellen der Ministerien und bei anderen Berliner Kreisen (zu) benutzen und alles (zu) tun, um ihnen die Wege zu ebnen und sie mit den maßgebenden Persönlichkeiten in direkte Verbindung zu setzen.“ Um die Lobbyarbeit möglichst effizient zu gestalten, richtete der Verlag im Herzen des Regierungsviertels ein „Berliner Büro“ ein, dessen Leitung, zumindest in der Anfangszeit, Alfred Bruckmann übernahm. In der Tat erwies sich Hinkel in der Folgezeit als wichtiger Türöffner, wovon auch die Graphischen Kunstanstalten profitieren sollten. Doch schien bei allen Bemühungen am Ende wenig Zählbares herauszukommen, weshalb Hugo Bruckmann die Verbindung schon 1935 wieder lösen wollte. Schließlich setzte Hinkel seine Tätigkeit aber fort, stellte Kontakte zu wichtigen Amtsinhabern oder Autoren her, gab Vorschläge zur Programmgestaltung und informierte Bruckmann über Vorgänge und Pläne in der Schrifttumspolitik. So ließ er ihm etwa auch geheime Informationen über geplante „Arisierungen“ von Verlagen zukommen, an deren Übernahme sich Bruckmann in mehreren Fällen interessiert zeigte. Wie so oft hatten aber auch hier die Bemühungen des NS-Funktionärs keine praktischen Folgen. Überhaupt ist eine Einschätzung über die konkreten Auswirkungen der Tätigkeit Hinkels für den Verlag nur schwer abzugeben.
Trotz der eindeutig nationalsozialistischen Ausrichtung des Unternehmens, vor allem nach Hugo Bruckmanns Rückkehr in den Vorstand, gab es innerhalb des Verlages doch zumindest latentes Widerstreben. Alphons Bruckmann etwa, eingefleischter Monarchist, konnte der Begeisterung seines jüngeren Bruders für den Nationalsozialismus nichts abgewinnen. Paul Kirchgraber, bedacht auf die
Kunstzeitschriften und ihr internationales Publikum, kritisierte sogar offen die Kulturpolitik des Dritten Reiches, als dessen Opfer er insbesondere das „Pantheon“ sah. Vor allem die Kunstzeitschriften Bruckmanns litten tatsächlich stark unter dem engstirnigen Kunstverständnis der Machthaber. Zur Erhaltung ihrer internationalen Absatzfähigkeit wurden „Die Kunst“, „Die Kunst für alle“ und das „Pantheon“ deshalb am wenigsten an die Ideologie angepasst und blieben bis zum Ende des Dritten Reiches im Großen und Ganzen Spiegelbild eines bürgerlichen Kunstgeschmacks. Eine Unterstützung der finanziell angeschlagenen Periodika von staatlicher Seite kam deshalb nicht in Frage. Der Verlag musste sich wegen ihrer „leisetreterischen“ Ausrichtung sogar scharfe Kritik von den Schrifttumsbehörden gefallen lassen.
Solange jedoch Hugo Bruckmann an der Spitze des Unternehmens stand, blieb der Verlag F. Bruckmann ansonsten zuverlässig in nationalsozialistischem Fahrwasser. Auch nach seinem Tod im Jahre 1941 – Bruckmann erhielt auf Veranlassung Hitlers ein Staatsbegräbnis – wurde die Linie weitergeführt. Folgerichtig wurde der Verlag im Verlauf des Krieges als „kriegswichtig“ eingestuft. Mit Alfred Bruckmann übernahm jedoch eine Person die Verlagsleitung, die nicht mehr so konsequent die Linie des Regimes vertrat wie noch ihr Vorgänger. Sein Handeln drückt eine gewisse Zwiespältigkeit aus: so trat Alfred Bruckmann keineswegs in offene Opposition zu den Machthabern, arbeitete vielmehr mit ihnen zusammen, arrangierte sich mit den Gegebenheiten und schlug Profit aus ihnen; andererseits konnte er sich scheinbar mit der NS-Ideologie ansonsten nicht identifizieren. Alfred hatte mit seinem Onkel deshalb den ein oder anderen Streit ausgefochten und stand ihm auch menschlich nicht sehr nahe. Die Teilnahme an nationalsozialistischen Ritualen versuchte er, wo möglich, zu umgehen. Nach 1941 nutzte er den guten Ruf des Hauses Bruckmann gar in einigen Fällen, um sich für Verfolgte des Regimes einzusetzen.
Auch die Verlagsanstalt F. Bruckmann hatte unter den Kriegseinwirkungen schwer zu leiden. Bei Bombenangriffen in den Jahren 1944/45 wurde über die Hälfte der Gebäude und Maschinen zerstört. Nach der Befreiung Deutschlands bekam F. Bruckmann in Person des von den Behörden als unbelastet eingestuften Albert von Miller, der dem Verlag seit 1934 angehörte, von der Militärregierung schon bald die Verlagslizenz wieder zugesprochen. Bereits ab Juli 1946 konnte das Unternehmen – zunächst allerdings unter dem Namen „Münchner Verlag und Graphische Kunstanstalten“ und unter Aufsicht eines Treuhänders – weitergeführt werden. Die Graphischen Kunstanstalten hatten sogar schon im Mai 1945 die Erlaubnis zum Betrieb ihrer Druckerei erhalten – für Zwecke des US-Militärs. Nach Abschluss der Entnazifizierung im Jahr 1948, bei der er als „Mitläufer“ eingestuft wurde, konnte auch Alfred Bruckmann wieder in die Geschäftsführung des Verlages zurückkehren, die er bis zu seinem Tod im Jahr 1964 innehatte.
Von Jürgen Kühnert
